Forschungsprojekt


Leitung

Dr. Konstanze Rudert
Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Zum Inhalt

Das von der Ferdinand-Möller-Stiftung initiierte und über den gesamten Zeitraum von 2009 bis 2014 geförderte Forschungsprojekt an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist dem Kunstkritiker, Autor, Vermittler – dem „Netzwerker“ moderner Kunst – Will Grohmann (1887–1968) gewidmet, dessen umfangreicher Nachlass sich seit 1970 in der Staatsgalerie Stuttgart befindet.



Projektphase I (Januar 2009 - Dezember 2010)

  • Wissenschaftliche Recherche und Materialsammlung
  • Erarbeitung einer Ausstellungskonzeption
  • Erarbeitung eines kulturellen Bildungs- und Vermittlungskonzeptes
  • Drittmitteleinwerbung

Projektphase II (Januar 2011 - Januar 2013)

  • Aufbereitung des Recherchematerials für die Ausstellung
  • Modifizierung und Umsetzung der Ausstellungskonzeption
  • Modifizierung und Umsetzung des kulturellen Bildungs- und Vermittlungskonzeptes
  • Erarbeitung der wissenschaftlichen Begleitpublikationen (Katalog + Schriftenband sowie des Themenheftes der Dresdner Kunstblätter)

Ausstellung

In den ersten beiden Projektphasen, die inzwischen erfolgreich abgeschlossen werden konnten, wurde durch intensive, mehrjährige Grundlagenforschung die Basis für die Entwicklung komplexer Ausstellungs- und kultureller Bildungs- und Vermittlungskonzepte erarbeitet. Diese Konzepte wurden im Rahmen der Sonderausstellung „Im Netzwerk der Moderne. Kirchner, Braque, Kandinsky, Klee ... Richter, Bacon, Altenbourg und ihr Kritiker Will Grohmann“ an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 2012/13 umgesetzt. Angestrebt und realisiert wurde in erster Linie eine auf Publikumsresonanz hin optimierte KUNSTausstellung, die allerdings über den Kunstgenuss hinaus verschiedene Rezeptionsebenen bot und so dem Besucher – je nach dessen Erwartungshaltung und Vorbildung - vielschichtige Inhalte und Zusammenhänge vermittelte. Die breite schriftliche Überlieferung – insbesondere der Grohmann-Nachlass, aber daneben auch zahlreiche weitere Quellen in anderen Überlieferungssträngen – wurden systematisch nach Hinweisen auf Kunstwerke untersucht, die besonders geeignet erschienen, auf unterschiedliche Aspekte des komplexen Netzwerkes des Kunstkritikers hinzuweisen, Werke, die z.B. durch Grohmann erstmals publiziert wurden, von ihm zum Ankauf durch Museen oder Privatpersonen weltweit vermittelt worden sind oder die sich in seiner eigenen, qualitätvollen Privatsammlung befanden. Großzügig gefördert wurde die Ausstellung, die vom 27. September 2012 bis zum 6. Januar 2013 in der Kunsthalle im Lipsiusbau gezeigt wurde und die auf ein überaus starkes Publikumsinteresse traf, von der Kulturstiftung des Bundes gemeinsam mit der Kulturstiftung der Länder, von der Ferdinand-Möller-Stiftung Berlin und von der Ernst von Siemens Kunststiftung.


Forschung

Das umfangreiche überlieferte Material, das themenorientiert auszuwerten war, umfasste ca. 26 laufende Regalmeter Akten allein im Grohmann-Nachlass des Stuttgarter Archivs (Typoskripte, Materialsammlungen und Korrespondenzen). Hinzu kamen Recherchen in zahlreichen weiteren Archiven. Um die umfangreiche Materialbasis inhaltlich und logistisch zu bewältigen, wurden die wissenschaftlichen Vorarbeiten in einem interdisziplinären Forschungsverbund organisiert. Dabei ergaben sich mehrere Schwerpunkte: die Erfassung von Korrespondenzen Will Grohmanns mit über 2.500 Korrespondenzpartnern (Personen und Institutionen) weltweit, die Recherche, Digitalisierung und Aufnahme von ca. 1.700 Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln Will Grohmanns in eine Datenbank sowie die Registrierung von 4.600 Titeleinträgen des kunsthistorischen Teils der Bibliothek Grohmanns, der 1970 in die Bibliothek der Staatsgalerie Stuttgart eingegangen ist. Insgesamt 2.086 Veröffentlichungen von Will Grohmann konnten in einer Bibliographie erfasst und rund 400 Kunstwerke seiner Privatsammlung zugeordnet werden. Weiterhin wurden originale Film- und Tondokumente Will Grohmanns aus verschiedenen Film- und Rundfunkarchiven zusammengetragen, analysiert und teilweise für das kulturelle Bildungs- und Vermittlungskonzept verwendet.


Verbindung von Forschung, Lehre und musealer Praxis

Durch Seminare der Kuratorin Dr. Konstanze Rudert an der Technischen Universität Dresden (2008/09) und durch gemeinsame Lehrveranstaltungen mit Prof. Dr. Martin Schieder am Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig (2009/10) wurden Studenten für Forschungsthemen in verschiedenen inhaltlichen Grohmann-Kontexten gewonnen. Parallel dazu wurden mit Medieninformatikern der Technischen Universität Dresden (Lehrstühle Prof. Dr. Rainer Groh/ Prof. Dr. Hermann Härtig) und mit Geoinformatikern der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden (Dipl.-Ing. Ines Schwarzbach) mehrere Teilprojekte für den Einsatz neuer Medien in der Ausstellung entwickelt und umgesetzt. Hierdurch gelang es, in einer Kooperation junge Studenten der Geisteswissenschaften und der Medieninformatik für das Grohmann-Projekt zu interessieren und zu gemeinsamer Arbeit zusammenzuführen.

Die Studenten im Fach Kunstgeschichte erhielten die Aufgabe, sich in „Bildgeschichten“ mit der Beziehung Will Grohmanns zu einzelnen von ihm geförderten Künstlern auseinanderzusetzen. Die besten der so entstandenen studentischen Arbeiten fanden Eingang in den Ausstellungskatalog, einige Studenten arbeiteten als studentische wissenschaftliche Hilfskräfte dauerhaft am Projekt mit und standen auch als Kunstvermittler (Ausstellungsführer und sog. „Live-Speaker“) während der Ausstellungsdauer für die Besucher zur Verfügung. Daneben entwickelten sich aus den Lehrveranstaltungen eine Reihe von Komplexpraktika in der Medieninformatik (Technische Universität Dresden) sowie von Magister- und Masterarbeiten im Fach Kunstgeschichte an den Universitäten Dresden, Leipzig und Berlin.


Vermittlungskonzept „Kulturelle Bildung“ im Rahmen der Grohmann-Ausstellung

Medienkonzept

Die Werkauswahl hochkarätiger Kunstwerke wurde untersetzt durch die Vermittlung von Daten und Hintergründen sowohl zum jeweiligen Kunstwerk, als auch zu relevanten Personen und Institutionen – abrufbar auf in die Ausstellungsarchitektur integrierten Medienstationen mit interaktiven Multi-Touch-Sreens.

Ziel des Medienkonzeptes war es, Kunstwerke und Informationen als synchrones Rezeptionserlebnis zusammenzuführen und die komplexen inhaltlichen Kontexte zu den ausgestellten Werken zu vermitteln. Es wurden kunsthistorische und kulturpolitische Hintergrundinformationen zu den Kunstwerken offengelegt und ausgewählte Aspekte des Grohmannschen Netzwerkes visualisiert, die im Zusammenhang mit dem jeweiligen Werk aktiv und folgenreich waren. Dabei wurden Angebote auf verschiedenen Vertiefungsebenen präsentiert, die sich an den unterschiedlichen Interessen und Bildungsvoraussetzungen der adressierten Besucherkohorten orientierten.

Museumspädagogisches Programm

Das museumspädagogische Begleitprogramm bot ein breit gefächertes Vermittlungskonzept, das in seiner Ausführung vielfältige Zielstellungen verfolgte.

Ein wesentliches Ziel war es, intergenerative Gruppen aus unterschiedlichen Bildungsschichten dazu anzuregen, sich mit spannungsreichen Zeitabschnitten der deutschen Kunst- und Kulturgeschichte auseinanderzusetzen. Das Wirken Will Grohmanns als Netzwerker der künstlerischen Moderne überspannte mit der späten Kaiserzeit, der Weimarer Republik, der NS-Zeit und den ersten beiden Jahrzehnten der deutschen Teilung und des Kalten Krieges Epochen von über 50 Jahren. Kontinuitäten und Brüche wurden sichtbar, komplexe Inhalte nach und nach erfahrbar, Interessen wurden geweckt, neue Zielgruppen angesprochen und der Dialog zwischen den Generationen nicht zuletzt auch im Rahmen der Nutzung der Medienangebote gefördert.

Dokumentarfilm „KRITIK! MACHT! KUNST!“

Adina Rieckmann und André Oswald produzierten begleitend für die Ausstellung einen Dokumentarfilm über Will Grohmann mit dem Titel „KRITIK! MACHT! KUNST!“, in dem die filmischen Möglichkeiten genutzt wurden, um die Bilderwelt des Will Grohmann einem heutigen Publikum zugänglich zu machen. Der Film zeigte ein vielschichtiges Porträt des Kunstkritikers in all seinen Widersprüchen und war während der Öffnungszeiten der Ausstellung im unteren Foyer des Lipsiusbaus zu sehen.

Rahmenprogramm

Um die Besucher mit den vielschichtigen Themen der Ausstellung vertraut zu machen, wurde ein umfangreiches Rahmenprogramm angeboten. Jeweils dienstags und donnerstags um 19 Uhr gab es insgesamt 25 Veranstaltungen, in denen durch Vorträge, Lesungen, Filme, Podiumsdiskussionen und Kammerkonzerte die Facetten der von Grohmann begleiteten Kunstepochen nahegebracht wurden.

Beginnend mit Themen um die „Dresdner Sezession, Gruppe 1919“, die Künstlergruppe „Brücke“ und das „Bauhaus“, wurden über die NS-Zeit bis in die 1960er Jahre hinein die produktiven schöpferischen Auseinandersetzungen der Künstler mit den Widersprüchen ihrer Zeit betrachtet. Für die Vorträge wurden Fachleute eingeladen, in den Podiumsdiskussionen kamen Kunsthistoriker, Kritiker, Museumsleute, Künstler und Kunsthändler zusammen, um sich kritisch mit Aspekten der komplexen Wirkungsfelder und Handlungsmöglichkeiten des Kunstkritikers in ihrem historischen Wandel und in der Gegenwart auseinanderzusetzen. Dabei wurde der Fokus auch auf die Spezifik des Agierens einer früheren Kritiker-Generation gerichtet, für die Grohmann exemplarisch steht, auf ihre Deutungsmacht und die Reichweite ihres Urteils in Publizistik, Handel und Wissenschaft. Lesungen aus den unveröffentlichten Briefwechseln rundeten das Programm unterhaltsam ab.

Öffentliches, internationales wissenschaftliches Kolloquium

„Der Kritiker ist für die Kunst“ (W. Grohmann), Kolloquium aus Anlass des 125. Geburtstags von Will Grohmann am 4. Dezember

Im Rahmen der Ausstellung wurde gemeinsam mit der Akademie der Künste Berlin ein internationales Kolloquium veranstaltet, das öffentlich war und von allen Interessenten kostenfrei besucht werden konnte. Es fand am 3. und 4. Dezember im Hans-Nadler-Saal des Dresdner Residenzschlosses statt. Der dritte Kolloquiums-Tag, der 5. Dezember, wurde in Berlin in den Räumen der Akademie der Künste am Hanseatenweg durchgeführt.

Die Themenschwerpunkte umrissen die wichtigsten Wirkungsfelder Will Grohmanns, seine nationale und internationale Vermittlertätigkeit, sein Wirken als Kritiker und Kurator, die Beziehungen zu ausgewählten Künstlern wie Kirchner, Klee, Kandinsky, Baumeister u.a., aber auch seine engen Kontakte zu Kunsthändlern und sammlern. Darüber hinaus wurde in einem komparativen Ansatz seine Rolle innerhalb der Kunstkritik und –politik näher untersucht. Dies geschah vor allem im Vergleich zu Kritikerkollegen bzw. –konkurrenten wie Franz Roh, Herbert Read, Bruno E. Werner, Anthony Thwaites und Werner Haftmann. Für das Kolloquium konnten renommierte Wissenschaftler aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz gewonnen werden.

Mit einer Podiumsdiskussion zu Fragen der Kunstkritik in Geschichte und Gegenwart mit bedeutenden Kritikern fand das Kolloquium in Berlin seinen Abschluss.



Projektphase III (Februar 2013 – Dezember 2015)

  • Weiterführung der wissenschaftliche Recherche und Ausbau der Materialsammlung
  • Erarbeitung einer wissenschaftlichen Biographie des Kunstkritikers Will Grohmann

Wissenschaftliche Biographie

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausstellung „Im Netzwerk der Moderne“ im Januar 2013 wird das wissenschaftliche Forschungsprojekt zu Will Grohmann an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden weitergeführt. Wie bereits in den vergangenen Jahren, wird es weiterhin von der Ferdinand-Möller-Stiftung finanziell unterstützt. Dem speziellen Charakter von Ausstellungskatalogen entsprechend, konnten hier wesentliche, insbesondere weiterführende, über die präsentierten Kunstwerke hinausreichende Fragestellungen nurmehr angerissen, jedoch nicht erschöpfend behandelt werden. Eine umfassende und kritische Biographie des streitbaren Kunstkritikers, Autors und Vermittlers moderner Kunst Will Grohmann bleibt also weiterhin ein Desiderat der Forschung und steht nach wie vor aus. Ziel ist es also, das Forschungsprojekt zu Will Grohmann mit einer umfangreichen Biographie abzuschließen.